Ein Königreich für ein – Stehpult

Ich stelle heute einmal eine gewagte These auf: Älter werden ist eine verdammt spannende Angelegenheit. Ich gebe zu, diese These finde ich eigentlich gar nicht so gewagt, aber die zielgruppengerechte Werbung für Frauen wie mich – Anfang 30, erste graue Haare, Konfektionsgröße gewechselt, natürlich in die nächstgrößere –  suggeriert mir  ständig und überall: Ich will das Alter bekämpfen. Will schlanker werden, faltenlos sein, graue Haare abdecken (mache ich tatsächlich, aber meine Haare sind schon seit 16 Jahren mal mehr,  mal weniger rot gefärbt), womöglich sogar Brüste, Beine, Po operieren – von Schamlippenkorrektur gar nicht erst zu reden.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist das alles Schwachsinn –der geneigte Leser verzeihe diesen Ausdruck. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Schminken etwas für Teenies, Fasching oder Halloween ist-  abgesehen von Bewerbungsfotos und dezenten Kaschierereien, die meine eher grobschlächtige Fertigkeit des Schminkens bei Weitem übersteigen.

Ich habe auch keine Zeit dafür. Es gibt doch so viel Neues zu entdecken! So ein älter werdender Mensch bewertet nämlich Dinge ganz anders. Weiß zum Beispiel plötzlich Bücher zu schätzen, die früher so gar nicht cool waren. Der Untertan, zum Beispiel. Das erste Mal habe ich das Buch von Heinrich Mann mit Anfang 20 gelesen, fand es nachvollziehbar, aber unwesentlich. Mit Anfang 30 sah die Sache schon ganz anders aus. Immer noch nicht eines meiner Lieblingsbücher, dennoch weiß ich die Schreibe viel mehr zu schätzen. Da darf man doch gespannt sein, wie ich das mit Anfang 40 sehe – nur als Beispiel.

Und dann die Sache mit dem Stehpult. Zwar hatte ich von klein auf einen schiefen Rücken, der die kleine Kleinstadtelli zu vielen Krankengymnastikstunden verdonnert hat, aber das war es dann auch: Aha, dachte ich,  ich habe einen schiefen Rücken. Na und? Tut doch nicht weh!

So mit Mitte 20 hatte ich einen Chef, der ausschließlich am Stehpult gearbeitet hat. Kein Schreibtisch. Keinen Stuhl. Nur das Stehpult. Und ich, dusselig, wie man so ist, mit Mitte 20, fand das seltsam: Ist das nicht ungemütlich, so am Stehpult arbeiten? Wie soll das denn gehen?

Heute, mit 32, nach zwei übelsten Rückenschmerzattacken, die sich natürlich über Wochen hinzogen – und die zweite Attacke ist noch nicht vorbei – gäbe ich ein Königreich für ein verdammtes Stehpult, wenn ich denn ein Königreich zu vergeben hätte. Und ich VERSTEHE nun, warum so ein Stehpult einem das Leben wesentlich angenehmer gestalten könnte, gerade jetzt, wo ich mich vor Schmerzen hin und her winde.

Das, zum Beispiel, ist doch hochinteressant. Auch die Tatsache, dass die dusseligen Rückenübungen, die ich ja seit Jahren beherrsche, aber nur äußerst selten ausgeführt habe – wozu auch –, bei mir ganz urplötzlich das Gefühl hinterlassen, so überhaupt nicht beweglich, geradezu eingerostet zu sein, statisch, behäbig. Und das trotz der Wohnung im drittem Stock ohne Aufzug, trotz geradezu panischer Meidung von Fahrstühlen (der Fitness, nicht der Angst wegen), trotz jahrelanger, bewusster Autoabstinenz.

So bleibt mir nur zu rufen: Ein Stehpult! Ein Königreich für ein Stehpult!

(Wohl wissend, dass die Rückenübungen nunmehr meinen Alltag zuckern müssen. Den Alltag einer seit jehehr unsportlichen Frau. Was für ein Abenteuer!)

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